Sieben Freischwebende Frauen: Mirjam

Sie ist dann nach Japan gegangen. Das mußte sein. Da gehört sie hin. Jetzt schläft sie zu wenig. Und arbeitet zu viel. Aber erlebt endlich genug.

Ich verliere bei ihr dauernd den Überblick. Was sie tut, wen sie kennenlernt, wen sie liebt, wovon sie träumt. Und da sie auf Twitter inzwischen die Hälfte auf Japanisch schreibt und die Bilder, die sie dazu postet durch die automatische Übersetzung noch rätselhafter werden, darf ich sie dauernd fragen, was da wieder los ist. Und wenn sie es dann auf Deutsch erklärt, dann verstehe ich es oft nur so weit, daß ich denke:

„Japan. Kannste dir nicht ausdenken. Aber sie hat es gut da.“

Glauben Sie nur nicht, daß manche Länder nicht auch genau s o sind, wie Sie sich das immer vorgestellt haben. Das Klischee ist nicht die ganze Realität, aber manchmal ist es ein saftiger Teil von ihr. Gestern postete Mirjam ein Bild mit der Unterschrift:

„Restaurant „Bahnhof“ serviert deutsches Essen. Wie Pizza oder Shrimps.“

In der gläsernen Auslage sehen Sie vorne gefüllte Bierkrüge. Gut zu erkennen ist das Paulaner-Logo auf einem Weizenglas. Davor weiße Teller mit gekreuzten Würsten oder Schweinebauch, oder etwas, was so aussieht, und von dem Sie nicht wissen wollen, was es wirklich ist. In der letzten Reihe tatsächlich Holzofenpizzas. Besonders gefällt mir auch ein weißes Tablett hinten rechts, auf dem ein paar Scheiben Tomaten und Mozarella lagern. Rechts von ihnen ein fettes selbstzufriedenes Rindswürstchen, ein paniertes Schnitzel, eine Zitronenscheibe und die weißen Kugeln in dem  Schälchen links könnten Klöße oder Pellkartoffeln sein.  Geben Sie zu, das i s t deutsches Essen. Tomate und Mozarella ist die deutsche Vorstellung von Leichtigkeit. Und selbstzufriedene Rindwürstchen, die sich selber leicht finden, treffen Sie jeden Tag bei uns im Bus. Und Kartoffeln und Klöße.

Mirjam ist 1, 80 groß. Über die Jahre habe ich tausende Bilder auf Twitter gesehen, auf den sie völlig geborgen in einer Gruppe von wild lächelnden Japanern steht, die sie alle um 15 Zentimeter überragt. Und sie ist ständig auf Konzerten von Bands, die meist eine Mischung von  Heavy Metal, Glamourgirlpop und Halloween-Punk zu sein scheinen und alle diese Bands kennen inzwischen das große deutsche Fangirl mit der täuschend braven dunkelblonden Ponyfrisur und posieren auch gerne mit ihr. Dabei sieht man dann Mirjam und und die ganze Band Zeichen machen und entspannt enthemmt grinsen und grimassieren. Das V-Zeichen sieht man oft. Auf Japanisch scheint das zu bedeuten:

„Alles cool hier!“

Tausend Bilder sagen mehr als ein Wort.  Und Mirjams Japan ist in ihren Bildern gut aufgehoben. Sie hat wohl vor einigen Jahren verstanden, daß man nur da zu Haus ist, wo man wirklich Lust hat, die Leute zu verstehen und ist nach Japan gezogen. Nun arbeitet sie sich mit mehreren Jobs halb tot und schläft zu viel wenig. Sie ist einem Reisebüro, das Trips nach Japan organisiert angestellt und gibt nebenher Sprachunterricht und das scheint nicht alles zu sein.  Vielleicht managt sie auch noch eine Band und züchtet Seerosen. Da ich sie nur von Twitter und ein paar Mails kenne und sich in ihrem Leben alles dauernd verändert, weil Mirjam wohl am wenigsten Stagnation und Gleichförmigkeit verträgt, hechele ich dem tatsächlichen Geschehen wohl immer etwas hinterher. Und inzwischen richten sich die meisten der Bilder und Texte, die sie postet an ihre japanische Community. Was soll ich Ihnen also erzählen, wie ich mir Mirjam vorstelle. Wir schauen uns einfach ein paar Bilder an und fragen uns:

„Who´s that girl?“

Auf diesem hier, vom 31. Dezember 2016, hat sie ein Stück Lotuswurzel und ein großes Messer in der Hand und schaut uns an wie eine Frau mit einem großen Messer, die gar nicht will, daß einer davor Angst hat. Die aber weiß, daß sie jetzt für zwei Sekunden so posieren muß, als habe sie Schlimmes mit dem Ding vor. Der Mund geöffnet, das Küchenhandtuch über der Schulter, der Pony bedeckt Stirn und Augebrauen und ein paar Fransen berühren ihre Wimpern. Sie muß einfach mit dem Ding posieren. So tun als ob. Für eine Sekunde. Wer sie alles sein kann. Da staunt sie immer wieder selbst. Und das Mädchen hat Augen, da gehen Ihnen sofort die Metaphern aus. Der beste Vergleich, der mir nach 6 Jahren Mirjamfotos einfällt:

„Ich habe gesehen, wie alles gut wurde.“

Noch in den wildesten Verkleidungen, bei denen sie hemmungslos auch den Mut zur skurrilsten Maske zeigt, weiß, grün oder blau geschminkt, schauen Sie ruhige und klare Augen an und sagen:

„Noch eine kleine Weile. Dann siehst du es auch.“

Mirjam ist gläubige Christin. Falls Sie auf Twitter sind, können Sie mal zählen, wieviele Leute sich heutzutage trauen, Bibelverse zu zitieren. Brauchen Sie nicht viele Finger. Mirjam zitiert sowas nicht oft, nicht programmatisch, aber es wird nicht Ostern, ohne daß sie den Auferstandenen sieht. Und davon kurz spricht, wie von einer Selbstverständlichkeit. Also hat sie die Augen der Frauen, denen er am Grab entgegenkam und sie können es sofort glauben, daß er es ist und am Leben. Weil es nicht anders sein kann. Das Leben endet nicht. Diese Augen wissen das.

Das mit den Bildern war keine gute Idee. Ich schaue nur noch und schreibe nicht. Mirjam im Kimono, Mirjam mit allen möglichen Perücken, Mirjam mit allem möglichen Essen, Mirjam vor den Plakaten melancholisch-asketischer Sänger um die 60, von denen sie einen mal heiraten wird.  Sagt sie. Meint sie. Wird sie. Schließlich hat sie sich auch entschieden, nicht in Potsdam weiterzustudieren, sondern fröhliche Dauermüdigkeit in Japan zu leben. Und immer wieder neue Leute. Das ist wohl das beste an ihrem Leben. Schauen Sie sich doch mal Ihre eigenen Bilder an. Ich wette, Ihr Leben besteht aus weit unter hundert Menschen. Mehr kennen Sie nicht. Jedenfalls nicht mit Vor- und Nachnamen und im richtigen Leben. Facebook gilt nicht, Freunde von Freunden da draußen im banal Imaginären. Sie gehen immer wieder mit denselben zwei Dutzend Leuten was trinken und selbst diese Zahl ergibt sich nur über die Jahre. Ihr Wochenende besteht seit Jahren aus denselben paar abgekauten Uraltfreunden. Sie rühren immer im selben Kartoffelbrei. Und weil Sie also oft vor Langweile sterben wollen, garnieren Sie den klumpigen Brei mit postmoderner Pseudoironie. Die nur Überdruss ist. Weil nichts mehr passiert, das Ihnen neu vorkommt. Seit Sie 20 sind.

Nicht bei Mirjam. Auch wenn ich berücksichtige, daß ich nicht alle Japaner voneinander unterscheiden kann und sich auf ihren Bildern ständig alle wild verkleiden, so trifft Mirjam eindeutig immer wieder neue Leute. Sie kommt irgendwo rein und trifft neue Leute und redet und lacht mit denen. So will sie leben. Aber nicht etwa aus Angst, heute noch die falschen Leute zu kennen und da draußen laufen vielleicht ein paar bessere rum. Sie sucht nicht kein soziales Upgrading. Wenn ich Mirjam, die ich nie traf, richtig sehe, so scheint ihr die meisten Menschen eine Botschaft zu enthalten, die sie unbedingt lesen möchte. Mit diesen Augen, in denen es so schnell Tag werden kann.

„Das alles gibt es also.“

Das Motto aus Ernst Jüngers

„Das Abenteuerliche Herz“

zitiere ich oft und wohl selten so zu Recht wie bei Mirjam. Sie hat schon in Deutschland Japanisch gelernt, später noch Chinesisch und hat überhaupt einen Sprachtick, der auch zum Erwerb von seltsamen Kleinsprachen wie Flämisch führte und das alles hat folgendes Ziel:

Ich weiß doch, daß da draußen noch viel mehr ist. Als in diesem Raum und dieser Stadt. Ich weiß nur, daß es mehr gibt, als ich heute kenne und daß einer, der an Gott glaubt, nicht immer kleben bleiben kann an seiner Straße. Denn wie will er Gott kennenlernen, wenn er nie in einem fremden Land zu leben auch nur vorgehabt hat?

Ich weiß nicht wie Japaner sind. Aber alles, was ich auf Mirjams Bilder sehe, spricht von einer fast kindlichen Neugier. Die  japanische Technikbegeisterung ist kindlich und verspielt. Und ihr Hang zum Abgedrehten, zum bunten Disneyland, was ist das anderes als die Lust an völlig unvorstellbaren Welten? An dem, was es noch nicht gibt, aber geben sollte? Und auch wenn es kitschig ist und das ist es verdammt oft, dann macht es doch fröhlich. Sie arbeiten sich halb tot und denken immer noch streng hierarchisch und Samsung und Toyota brachen fast zusammen, weil es unjapanisch ist, einen Vorgesetzen zu kritisieren, wenn Sie einen Fehler entdecken. Doch es will mir scheinen, daß Mirjam das Entdecken liebt und die Japaner auch. Es ist alles so schön bunt hier, singt Nina Hagen irgendwo. Ich kann mich gar nicht entscheiden. Nun stellen Sie sich noch Nina in Japan vor. Wild kostümiert ist sie eh seit 40 Jahren. Das ist noch nicht alles. Das darf nicht alles sein. Das wird nicht alles sein. Das wissen Mirjam und Nina, das sieht Mirjam in den jungen Japanern, von denen sie so viele kennt.

Daß es einen japanischen Faschismus gab, der aus Kadavergehorsam und Fanatismus und Überlegenheitsarroganz gespeist war, das weiß sie. Daß es eine japanische Herrenmenschenpose gab. Daß die Zwänge des heutigen japanischen Alltags so müde machen und auch sie aufpassen muß, nicht plötzlich vor lauter Arbeit tot umzufallen, das erfährt sie wohl jeden Tag. Udn dennoch tanzt sie nach der Arbeit noch auf dem nächsten Konzert, bis sie lieber da umfällt, aber nicht tot, sondern höchstens selig.

Alles Klischees. Ich stelle mir ein 27 jähriges Mädchen vor, das ich nie sah, in einem Land, das ich vielleicht nie betreten werde. Ich betrachte Bilder von Japanern in wilden Kostümen und in der Mitte immer die große Mirjam. Sie hat eine gute Zeit, sie ist ganz weit weg von uns und doch bei sich. Ich stelle mir Mirjam als glücklichen Menschen vor.

 

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